Suppen für die Seele – Räume für die Sinne

Früher wurde Glas geschliffen, heute wird gute Atmosphäre geschaffen

Der Begegnungsort Johannisthal ist mehr als ein Haus. Er ist ein ganzes Dorf. Eines mit Geschichte und einer faszinierenden Gegenwart. "Wo Du arbeitest, machen andere Urlaub!", bekommt Manfred Strigl deshalb immer wieder zu hören. Ein Kompliment mit einem Hauch von wohlmeinendem Spott. Kann das denn Arbeit sein, dort anzupacken, wo andere ihre schönsten Stunden verleben? Und ob! Der 55Jährige Oberpfälzer ist seit 2012 Direktor von Haus Johannisthal in Windischeschenbach. Ein kleiner oberpfälzischer Flecken nur eine Handvoll Kilometer entfernt von der tschechischen Grenze. Zonenrandgebiet hieß das früher wenig imagefördernd. Der Landstrich muss schon lange mit dem Stigma strukturschwach leben.

Dass in Johannisthal nun 20 Menschen dauerhaft Arbeit haben, ist buchstäblich ein Lichtblick. Von der christlichen Bildungs- und Erholungsstätte, die in einer Talsenke entlang der Waldnaab liegt, mitten in urwüchsiger Natur, profitiert auch die Region. Rund 10.000 Übernachtungsgäste und noch einmal 5.000 Tagesbesucher kommen per anno. Und die wollen betreut, geführt, verpflegt werden. "Ziel erreicht", wird man sich bei den Planern von Johannisthal sagen. Und: "Es dürfen gerne mehr sein".

Im Namen des Herrn: Ein leerer Bauch meditiert nicht gern

Maria Schärtl ist so eine, die sich kümmert. "Die weiß, was sie will", sagt Haus-Chef Strigl über seine neue Küchenchefin. Forsch sei sie und eine "gute Katholikin". Was auch im Bistum in Regensburg nicht bezweifelt wurde, als es um die Anstellung ging. Doch ein Handicap haftete der Oberpfälzerin an: sie sei zu jung für diese Position, argumentierte man in der Personalstelle des Bistums. Ok. Mit 24 Jahren kann man unmöglich 10 Jahre Berufserfahrung haben. Kochen aber kann man schon, jedenfalls würden das nicht wenige Johannisthalgäste stock und steif behaupten. Marias Küche zaubert sinnliche Sensationen. Die Küche ist durchaus schon Attraktion des Hauses – zusammen mit den Nägelbrenn- und Tu-Dir-was Gutes- Angeboten und der Naturwald-Atmosphäre, die Johannisthal prägt. Die Fankurve stürmt die Tische, wenn Maria ihre Seelensuppen kocht. Kürbiscreme zum Beispiel. Die Seele der Suppe sind die Zutaten vom Bauernhof aus der Nachbarschaft: Kartoffeln und Zwiebeln, Kürbis und Schmand. Kräuter wachsen neben den Wiesenblumen im eigenen Garten. Das riecht nach Erde, frischer Luft, Oberpfälzer Wald und einem Hauch von Minze am Waldnaabufer. "Eine Geschmacksdetonation", wie ein Gast jüngst ins Gästebuch geschrieben hat.

Der Raum, die Ruhe, der Klang

Nicht nur kulinarisch, auch architektonisch ist Johannisthal ein Gesamtkunstwerk. Als besonderer Blickfang steht heute die neue Kapelle mit ihrem markanten steilen Satteldach im Zentrum des "Dorfes". Die horizontal verlegten Wandpanelen aus weiß lackiertem Fichtenholz innen treten reliefartig hervor. Denn jede Holzleiste hat eine eigene Profilstärke. Ein Effekt, der Wandbilder völlig entbehrlich macht. Die Wand ist die Kunst. "Jede einzelne Planke hatte ihre Nummer und ihren Platz", berichtet Sebastian Schwarz, der als Schreiner die 3000 Quadratmeter Fichte an die Wand brachte. Er hat hier seine Katharina geheiratet, so wichtig ist ihm dieser Ort.

Das neue Aussehen der katholischen Bildungseinrichtung ist durch klare und reduzierte Formen geprägt. Sehr schön und symbolisch zeigt das der Glasstreifen im Satteldach. Eine natürliche Lichtquelle einer Himmelsleiter gleich. Die Frage aller Fragen für Bauleiter Martin Schimanski lautete: "Wie können Räume Ruhe schaffen?". Und - vielleicht noch schwieriger in der Umsetzung - wie lässt sich Raum zum Klingen bringen? Ein Auftrag für Projektleiter Lukas Neuner, der nicht nur Architekt, sondern auch Musiker ist. Ergebnis: Die Kapelle klingt. Und wie! Die Orgelpfeifen lügen nicht. 

Mensch und Material: Alles heimatnah

Johannisthal ist ein gutes Beispiel für ein Renovierungskonzept nach dem Moto: Alles aus dem Umland. Als 2007 erste Pläne geschmiedet wurden, Johannisthal grundlegend neu zu konzipieren, war man sich im Bistum schnell einig: die Materialien sollten aus der Region kommen, ebenso die Handwerker. "Heimatnahes Arbeiten", nennt das Manfred Strigl, der als Direktor die Modernisierung der Hauskapelle, der Speisesäle und eines der beiden Gästehäuser mit erlebte. Vor allem Granit und Weichholz kamen zum Einsatz, inspiriert durch Bautraditionen der Region.

Fast 30 Handwerksbetriebe unterschiedlicher Gewerke wurden unter Vertrag genommen, die allesamt in der Oberpfalz ihre Adressen haben. So waren mehr als 100 Handwerker im Einsatz, als der mittlere Teil des Dorfes abgerissen und neu errichtet worden war. Bei 17 Millionen Euro wurden die Baukosten gedeckelt, rund zwei Drittel der Ausgaben kamen den Handwerksbetrieben in der Oberpfalz zugute. „Ich fahre hier mit anderen Kunden entlang und kann stolz sagen, da haben wir mitgebaut“, berichtet der junge Architekt Schimanski. "Johannisthal ist so etwas wie die "Pont du Gard" von Windischeschenbach", erklärt Manfred Strigl, "Wie die alte römische Wasserleitung im Süden Frankreichs sind wir sinnbildlich die Brücke über’s Tal, die Menschen hier identifizieren sich mit uns", so der Hausleiter.

Wie es wurde, was es ist

Ursprünglich war der Gebäudekomplex Johannisthal ein Schleif- und Polierwerk für Glas. In Betrieb von 1848 bis 1914, ging es dann 1937 in den Besitz der Diözese Regensburg über. Gut zehn Jahre später entsteht aus dem ehemaligen gewerblichen Gebäude ein Exerzitienhaus. Seitdem wächst die christliche Einrichtung. Ganzjährig werden Seminare angeboten. "Männer können alles?!" heißt einer der vielen Kurse, die Manfred Strigl selbst leitet. Die Menschen - Alte und Junge, Ehepaare in der Sinnkrise und Manager mit Erschöpfungssyndrom - kommen vor allem wegen der guten Atmosphäre, berichtet Manfred Strigl, der immer sehr interessiert ist, zu hören, wie sein Dorf bei den Gästen ankommt.

Und es gibt auch Rückmeldungen der erstaunlichen Art. Keiner weiß das besser als Hausmeister Gerhard Wöhrl. Seit rund 30 Jahren ist er der wichtige Mann im Begegnungszentrum, das längst zum mittelständischen Unternehmen herangewachsen ist. Immer mal wieder, vor allem in den Nachtstunden, muss Wöhrl das kleine Wasserkraftwerk abschalten, das sich im Mühlgraben zwischen dem Seminar- und einem der Übernachtungshäuser befindet. Der Bach leistete seinerzeit samt Wasserrad der alten Glasschleiferei einen wichtigen Dienst und spendete Energie für die Schleifscheiben.

Heute liefert Johannisthal Wasser-Energie für EON und verdient damit Geld. Der Nachteil: Für manche Gäste, die nach nur einem Tag im Tal nahezu süchtig nach erholsamen Ruhe sind, dreht sich das Wasserrad zu laut. Hausmeister Wöhrl schaltet dann das kleine Bio-Kraftwerk einfach mal ab. Die Ruhe war der Überlieferung nach auch der Grund, warum sich ein Einsiedler namens Johannes - die Zeit weiß keiner so recht zu bestimmen - irgendwann einmal entlang des Baches Waldnaab niederließ. Jedenfalls verdankt das Haus diesem Ruhesuchenden seinen Namen. Und macht ihm alle Ehre. Johannisthal ist eine Reise wert. Nicht nur für Ruhesuchende und Feinschmecker.


"Nach 3.000 m² konnte ich nicht anders: Ich musste meine Kathi hier heiraten!"