Wie ich den Priester in mir entdeckte

Das Priesterseminar in Regensburg

Seine Altersgenossen drängen in "hippe" Berufe: "irgendwas mit Medien", oder so. Oder Betriebswirtschaft studieren, um richtig Geld zu verdienen. Martin Seiberl fällt aus dem Rahmen. Er will werden, was wenige wollen: Er will Priester werden. Seine Entscheidung begleitet er selbstbewusst und demütig. Erwartbare Fangfragen, wie etwa nach dem Zölibat (interessiert die Medien immer!), kontert er völlig gelassen. "Ich verspreche etwas und das halte ich" und spielt den Ball zurück mitten in die Gesellschaft: "Nichts anderes ist die Verbindlichkeit des Eheversprechens".

Mit ihm zu reden, lässt einen staunen. Die Ruhe mit der er spricht, die Ordnung der Gedanken und Argumente. Und dabei bleibt er auch bei "schwierigen Fragen" locker und unaufgeregt. Er weiß was er will. In anderthalb Jahren will er sich zum Priester weihen lassen und fast nichts in seiner Biografie ließ erahnen, dass er sein Leben einmal buchstäblich in Gottes Hand legen würde.

"Ich weiß, wofür ich auf Familie verzichte"

Er ist jetzt im sechsten Jahr im Regensburger Priesterseminar. Dabei hatte er schon einen Beruf. Etwas Solides sozusagen. Er ging zur Bank, nachdem er die Mittlere Reife absolviert hatte. Doch dann stellte sich irgendwann einmal die Frage aller Lebensfragen: War`s das jetzt? Es war keine dramatische Lebenskrise, eher das Gefühl, dass es jetzt weiter gehen müsse. Wer das Ziel erreicht hat, verspürt im Herzen nicht so eine tiefe Unruhe. 

Er macht das Abitur an der Berufsoberschule nach und braucht für den Lebensunterhalt einen kleinen, regelmäßigen Nebenverdienst. Der Pfarrer gibt einen Tipp: Ein Aushilfsmesner wird gesucht. Das gefällt Martin Seiberl. Er, der zuvor maximal alle zwei, drei Wochen zur Messe geht, erlebt jetzt Kirche, Gemeinde und die Frohe Botschaft plötzlich ganz intensiv.

Keine Enkel

Mit seinem Pfarrer kommt er ins Gespräch und er ist offen und gespannt, als der mit ihm das Priesterseminar in Regensburg besucht. Der junge Mann aus Hemau im Landkreis Regenburg spürt plötzlich das, was Beruf von Berufung unterscheidet: er entdeckt den Priester in sich. "Ab da war's mir klar!" Zuhause sind Vater und Mutter und die jüngere Schwester erstaunt, wie aus dem Bankkaufmann ein Priesteramtsanwärter erwächst. "Sie haben nicht dagegen geredet", betont er. Aber traurig seien sie schon gewesen, vor allem die Mutter. Wegen der Enkel, die nun ausbleiben. Aber als verlorenen Sohn haben sie ihn trotzdem nicht behandelt. Und er ist sich sicher: "Ich weiß, warum ich auf Familie verzichte."

Im Priesterseminar zuhause      

Nun lebt er also im Regensburger Priesterseminar. 6.00 Uhr aufstehen, 7:00 Uhr Frühstück und dann ab zur Uni in die Katholische Fakultät. Für die theologischen Studien in der siebenjährigen Priesterausbildung ist die Universität zuständig. Hier wird Dogmatik gelehrt, Moraltheologie, aber auch Latein, Griechisch und Hebräisch. Die drei Sprachstudien hat er schon abgeschlossen. "Ich hab' halt die Basics mitgenommen", erklärt er und deutet an, dass das erreichte Altsprachen-Niveau für den kirchlichen Alltag ausreiche. Er wolle ja kein Alt-Philologe werden.

1 von 54

Martin Seiberl ist einer von derzeit 54 Studenten des Regensburger Priesterseminars. Nicht alle gehören dem heimischen Bistum an. Auch Priesteranwärter aus dem Bistum Passau sind hier auf Zeit zuhause. Der Priesterschwund der letzten Jahrzehnte hat so manches Priesterseminar ausgetrocknet. "Da fehlt schon etwas Wesentliches", gesteht Martin Seiberl ein. Nicht so in Regensburg. Hier sind sie stolz auf das "Herz des Bistums". Zur "Belegschaft" des Seminars gehören auch der Ordenskonvent mit vier Mallersdorfer Schwestern, sowie vier Seminarvorstände. Unter dem Dach des Priesterseminars sind auch zwei Institute: Das Bischöfliche Studium Rudolphinum und das Institut Papst Benedikt XVI. Nicht zu vergessen die drei syrischen Flüchtlinge, die ebenfalls hier leben. Verantwortlich dafür, dass "der Laden läuft", sind rund 20 Angestellte, Honorarkräfte und Ehrenamtliche.

In diesem Haus, das so wichtig ist für das Bistum, das mitten in Regensburg liegt, aber in aller Stille arbeitet, ausbildet und begleitet, in diesem Haus haben die Priesteramtsanwärter die Ruhe, um sich auf Ihren Dienst für die Menschen vorzubereiten.

Priester ganz praktisch

Dazu gehören auch ganz praktische Lektionen. Wie trage ich frei vor, wie lese ich Texte für die zuhörende Gemeinde? Das lernt Martin Seiberl in der Sprecherziehung und der Stimmbildung. Auch das liturgische Singen wird hier trainiert. Und sonst? "Wenn ich nicht geistliche Literatur lese, greife ich regelmäßig auch zum Spiegel oder zur FAZ", verrät er. Und als hätte er sich nicht genug Pflichten auferlegt, versucht er sich auch noch im Orgelspiel. "Aber nur die einfachen Sachen", stapelt er tief. 


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Sinn-lich leben

Im Gespräch überrascht der 27-Jährige mit unerwarteten Antworten. In das allgemeine Jammern über die atheistischen Zeiten, in denen wir leben, will er nicht einstimmen. "Früher waren die Menschen viel mehr in der Tradition des Glaubens zu Hause. Widerspruch war ungewöhnlich", erklärt er. Die Betonung setzt er auf "Tradition". Man lebte mit der Kirche. Das musste nicht unbedingt mit einer tiefen Glaubensüberzeugung einhergehen. 

Die heute weit verbreitete Glaubensskepsis ist ihm manchmal fast lieber, weil ehrlicher. Auch vom vielfach behaupteten Imageproblem der Kirche will er nichts wissen. "Das haben die Medien in vielerlei Hinsicht herbeigeredet, da stimme ich nicht zu." Mehr Selbstvertrauen fordert er von seiner Kirche - und von jedem einzelnen Christen. Richtig sei hingegen die Beobachtung, dass sich die Kirche mit der Sprache schwer tue. Die sei halt manchmal schon ziemlich sperrig, gibt er zu. 

Gehorchen

Und wie hält er es mit dem Gehorsamsgelübde, das er als Priester ablegen muss? Von blindem Gehorsam könne in der Kirche nicht die Rede sein. "Es geht darum, sich zur Verfügung zu stellen -freiwillig." Auch das gehört für ihn, als angehender Priester zu seinem Daseins-Leitmotiv, "das eigene Leben in einen Sinnhorizont zu stellen", wie er es ausdrückt.    

Bier und Beichte

Zum Sinn des Lebens gehört für Martin Seiberl auch das Ausgehen mit Freunden. "Regensburg soll ja die größte Kneipendichte in Deutschland haben, gemessen an seiner Größe." Auch bei diesem Thema zeigt sich der Priester in spe erstaunlich geerdet und fern jedes Klischees. Er habe halt einen ganz normalen sozialen Hintergrund und auf ein, zwei Bier mit Freunden zu gehen, gehöre halt dazu. Das müsse er nicht beichten. Punkt! 

Apropos Beichte. Grundsätzlich könne man vieles mit sich und Gott alleine regeln. Im Gespräch - auch im Stillen, oder im Gebet. Doch die "tiefergehenden" Verfehlungen, "da braucht es ein Gegenüber", sagt er klipp und klar in seinem oberpfälzischen Zungenschlag. Und dann sprechen wir halt doch noch mal über den Zölibat. Natürlich beenden auch manche ihre Zeit im Priesterseminar. Die sei ja auch dazu da, zu einer gut fundierten Entscheidung zu kommen. Und wenn "man es sich dann doch nicht vorstellen kann, ohne Frau und Kinder zu leben", dann sei es richtig und wichtig, einen anderen Lebensweg zu wählen. Die Ehelosigkeitsverpflichtung sollte man aber nicht als den alles entscheidenden Angelpunkt stilisieren. Sie ist ein Gesichtspunkt, nicht mehr und nicht weniger. Kein Wort der Kritik, die nüchterne Feststellung eines Mannes, der weiß, was er tut und warum.

Promovieren…

Martin Seiberl will, wenn die Umstände es zulassen, promovieren und ist auf einem guten Weg. Er arbeitet als Hilfskraft an der Theologischen Fakultät der Regensburger Universität. "Alttestamentliche Weisheitsliteratur" ist sein Forschungsgebiet. Die Frage nach Gott und die Frage, wie er zu uns steht, stellten sich Menschen wahrscheinlich schon immer. Gott, der außerhalb der Zeit steht, der aber in der Zeit wirkt und sogar in der Zeit gelebt hat. Und der Mensch, der in der Zeit gebunden ist, und aus eigener Kraft nie ausbrechen kann aus den Grenzen von Geburt und Tod. Die Zeit als scheidende Kategorie zwischen Gott und den Menschen? Das Thema klingt spannend. Martin Seiberl hat sich viel vorgenommen. 

…und dann in den Vatikan?

Ist er mit solch akademischen Plänen nicht schon auf Rom-Kurs? "Nein, eigentlich nicht", antwortet er schnell und direkt. "Der Vatikan ist aus meiner Perspektive ein riesiges Verwaltungsareal. Auch das braucht es. Aber als Büro-Priester sehe ich mich nicht." Vielmehr möchte er ein spiritueller Priester sein. Einer, der authentisch und glaubwürdig ist und so auf natürliche Weise die Menschen erreicht. Wo sieht er sich in 20 Jahren? "In einer Gemeinde", da ist er sich sicher. Vermutlich nicht weit davon entfernt wo er herkommt. Er sagt es nicht ausdrücklich, aber es wird deutlich: es drängt ihn nicht in die Ferne. So oder so, auf einen Priester kommen viele Aufgabenbereiche zu, vor allem vor der Jugendarbeit hat er großen Respekt, da er nicht weiß, ob er sich darin bewähren wird. "Vielleicht können das andere besser!" 


"Das war einer der schönsten Erfahrungen im Studium: Der Glaube ist mit der Vernunft zu durchdringen"