„Wir drucken, wir bauen, wir malen, wir collagieren und wir fotografieren!

Kunst ist unsere gemeinsame Sprache."

Renate Höning, Atelierleiterin
KUNST inklusiv

Weg mit den Sprachbarrieren

 

Das Büro für Leichte Sprache „sag’s einfach“ übersetzt Texte in verständliches Deutsch.
Die Werke des Ateliers KUNST inklusiv sprechen für sich. Sie brauchen keinen Dolmetscher.

 

„Schreiben ist einfach. Man muss nur die falschen Worte weglassen.“ Mark Twain hat das gesagt. Der Mann muss es wissen. Schließlich war er ein berühmter Schriftsteller. Das Problem ist nur: Was sind die falschen Worte? Wie findet man das heraus? Und wer kann einem sagen, wie man falsche durch die richtigen Worte ersetzt? Fragen wie diese treiben nicht nur Bestseller-Autoren um. Mit genau den gleichen Fragen befasst sich das Büro für Leichte Sprache in Regensburg. Nur geht es in dieser Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) nicht darum, fiktive Romane zu schreiben, sondern um die Wirklichkeit.

Das „Büro für Leichte Sprache“ ist ein Übersetzungsbüro, aber kein gewöhnliches. Hier wird nicht Englisch, Französisch, Russisch oder Arabisch übersetzt, sondern Deutsch ins leicht Verständliche übertragen. „sag’s einfach“ nennt sich das Büro treffend. So ungewöhnlich wie die Übersetzungsarbeit ist auch Sebastian Müller, der Chef von „sag’s einfach.“ Müller ist ein heller Kopf - nach seinem Bachelor in Sozialpädagogik hat er noch einen Masterstudiengang „Inklusion-Exklusion“ draufgesetzt - und er versteht es, sich gewählt auszudrücken. Bei jemandem, der mit Sprache arbeitetet, kann man das eigentlich erwarten. Eigentlich. Bei Sebastian Müller ist das anders. Da erwarten das viele zunächst nicht. Müller arbeitet nicht nur für Menschen mit Behinderung. Er weiß aus eigener Erfahrung, was Behinderung bedeutet. Der Leiter des Büros für Leichte Sprache sitzt im Rollstuhl und ist nahezu blind. Sich zu unterhalten, fällt ihm aufgrund einer Spastik nicht leicht. Wer sich damit nicht auskennt, ist zunächst irritiert. Hört man genauer hin, merkt man bald, wie bewusst Müller seine Worte wählt, wie gewandt er Sätze konstruiert, auch wenn ihm seine Behinderung beim Sprechen immer wieder ins Wort fällt.

"Rollstuhlfahrer haben vor Treppen ein Problem, aber nicht nur die"  

Mitleid will Sebastian Müller deshalb nicht. „Ich wollte keinen Job, weil ich der arme, kleine ‚Behindi’ bin, der eine Beschäftigung braucht. Ich will in meinem Beruf durch fachliche Qualität überzeugen. Alles andere würde den Gedanken der Inklusion ad absurdum führen“, betont er. Qualität ist ihm auch bei der Übersetzungs-Arbeit wichtig. „Unsere Hauptaufgabe besteht darin, Texte aller Art sprachlich so zu vereinfachen, dass sie auch von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringere Sprachkompetenz verfügen, verstanden werden“, erklärt Sebastian Müller die besondere Dolmetschertätigkeit des Büros für Leichte Sprache. Solche Übersetzungen ins Einfache helfen Menschen mit Behinderung, mit Migrationshintergrund, mit Lernschwierigkeiten, mit Problemen beim Lesen oder Schreiben. Auch Gehörlose profitieren davon. „Wenn es um Barrierefreiheit geht, denkt jeder gleich an den Rollstuhlfahrer vor einer Treppe. Aber zur Barrierefreiheit gehört auch barrierefreie Kommunikation“, sagt Sebastian Müller. Um solche Sprachbarrieren weiter abzubauen, bietet „sag’s einfach“ auch Fortbildungen, Informationsvorträge und Schulungen zum Thema „leichte Sprache“ an.

Acht Millionen Menschen sind auf leichte Sprache angewiesen

Bundesweit seien rund acht Millionen Menschen auf leichte Sprache angewiesen um Texte verstehen und so selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. „Das entspricht etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung“, erklärt Müller. Zu den Kunden seines Büros zählen nicht nur Behinderteneinrichtungen. „Wir haben Krankenhäuser, Städte, Gemeinden und die Kirche unter unseren Kunden.“ „Neben Broschüren, Formularen, Internetseiten und anderen Aufträgen hat „sag’s einfach“ auch einen Führer über den Regensburger Dom in leicht verständliche Sprache übersetzt. Ein besonderer Auftrag kam dieses Jahr aus der Politik. „Wir haben das Wahlprogramm der SPD in Leichte Sprache übersetzt. Das war eine spannende Aufgabe“, erinnert sich Müller.

Dabei habe sich gezeigt, auch komplexe Inhalte können durch Leichte Sprache so aufbereitet werden, dass sie barrierefrei verstanden werden. Bei „sag’s einfach“ ist das Prüfen der Übersetzungen immer Teamarbeit. Da sitzt dann eine große Runde von „Dolmetschern“ mit unterschiedlichen Handicaps beisammen und diskutiert, wie sich schwierige Formulierungen stark vereinfachen lassen. Gemeinsam ringt man um Begriffe, Sprachbilder und Doppeldeutigkeiten und überlegt, wie komplizierte Sachverhalte sprachlich leicht verständlich werden. Diese Prüfgruppe sei wichtig, erklärt Müller. „Nur selbst betroffene Menschen können wirklich beurteilen, ob ein Text verständlich ist oder nicht.“

Ein Problem sieht der Büroleiter bei der Honorierung der speziellen Dolmetschertätigkeit. „Viele wollen Übersetzungen in Leichte Sprache. Aber für diese Leistung zahlen? Das möchten nicht so viele“, beklagt Müller. Wenn das Verständnis dafür fehle, dass diese Art des Übersetzens qualitativ hochwertige Arbeit erfordere, sei dies enttäuschend. Trübsal bläst Sebastian Müller deshalb nicht. Das ist nicht seine Art. Müller krempelt lieber die Ärmel hoch und arbeitet daran, Bewusstsein zu schaffen. „Mein Antrieb ist es, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft nachhaltig zu verbessern. Auch um zu verdeutlichen: ein Leben mit Behinderung ist nicht nur traurig und hoffnungslos. Man kann auch mit Behinderung Spaß und jede Menge Gaudi haben.“

Müller bezeichnet sich als gläubigen Menschen. „Ich glaube an Gott. Dass Behinderung eine Strafe Gottes ist, halte ich allerdings für völligen Blödsinn!“ Katholische Kirche und KJF sind für ihn „verlässliche Arbeitgeber“. Hier arbeiten zu können, freut ihn. Mit seinem Beruf hilft er mit, Inklusion zu verwirklichen. Inklusion beginnt für Sebastian Müller, „wo Menschen mit und ohne Behinderung sich auf Augenhöhe begegnen und gleichberechtigt miteinander kommunizieren.“ Mit dem „Büro für Leichte Sprache“ leistet die KJF im Bistum Regensburg dazu einen wichtigen Beitrag.

Damit das „Büro für leichte Sprache“ arbeiten kann, wird es in den ersten vier Jahren seines Bestehens mit einem Betrag in Höhe von insgesamt 197.981 Euro durch die „Aktion Mensch“ gefördert. Diese Förderung reicht jedoch nicht aus, um die Gehälter, die erforderliche räumliche und organisatorische Infrastruktur sowie die Verwaltung abzudecken, so dass die KJF als Träger des Büros bereits im Förderzeitraum rund 29.000 Euro der Kosten kompensiert. Im Jahr 2016 sind dabei Kirchensteuermittel in Höhe von 21.771 Euro eingeflossen.

Mit dem Kulturförderpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet 

Nicht um Sprache, sondern um Kunst geht es im Atelier KUNST inklusiv in Regensburg. In diesem besonderen Atelier wird der Inklusionsgedanke kreativ vorangetrieben. Mit Erfolg. 2017 zeichnete der Regensburger Stadtrat das Atelier KUNST inklusiv als „herausragendes künstlerisches Projekt für Menschen mit und ohne Behinderung“ mit dem Kulturförderpreis der Stadt aus. Durch sein Wirken trage das Atelier KUNST inklusiv maßgeblich zur Förderung des Inklusionsgedankens bei und untermauere das erweiterte und offenere Kunst- und Kulturverständnis der Stadt Regensburg, hieß es zur Preisverleihung.

2013 hat die Katholische Jugendfürsorge des Bistums Regensburg das Kunst-Projekt ins Leben gerufen. Die Idee: Menschen mit und ohne Behinderung wurde ein fester Ort für künstlerisches Arbeiten zur Verfügung gestellt. Sie erhielten Raum, um ihre kreativen Fähigkeiten zu entdecken, zu erproben und zu entfalten. Nicht irgendwo unbemerkt, weit ab vom Schuss, sondern im zweiten Stock des Künstlerhauses Andreasstadel, inmitten vieler weiterer Ateliers.

Wo Kunst so gelebt wird, da pulsiert das Leben 

Seit der Gründung leitet die Künstlerin Renate Höning das Atelier KUNST inklusiv. Mit „künstlerische Leiterin“ ist ihre Aufgabe nur grob umschrieben. Im Grunde ist sie viel mehr als das. Sie ist das Kreativzentrum und die Herzkammer des Ateliers. „Kunst kennt keine Behinderung!“ Davon ist Renate Höning überzeugt. Es gebe gute und schlechte, provokante und belanglose Kunst; Kunst, die sofort in den Bann ziehe oder gleich wieder vergessen werde. „Aber Kunst kann niemals behindert sein“, betont Höning. Allenfalls werde sie behindert. Etwa wenn Künstler aufgrund ihrer Behinderung gegen Vorurteile zu kämpfen hätten.

Dass „ihre“ Künstler von nichts und niemandem behindert werden, dafür setzt sich Renate Höning mit Nachdruck ein. Wie sehr sich das lohnt, lässt sich im Atelier KUNST inklusiv bestaunen. Seite an Seite lassen Menschen mit und ohne Behinderung ihrer Kreativität freien Lauf. Es wird gemalt, gezeichnet, gedruckt, gebaut, fotografiert oder collagiert. Die künstlerischen Ausdrucksformen sind so vielfältig und so verschieden wie die Menschen, die in diesem Atelier arbeiten. Wo Kunst so bunt und schillernd gelebt wird wie im Atelier der KJF, da pulsiert das Leben. Da herrschen Schaffenskraft und Lebenslust, die ansteckend wirken. Erfreuen, überraschen, verstören, provozieren, irritieren, zum Nachdenken anregen: Kunst hat viele Aufgaben und viele Facetten. Im Atelier, bei Renate Höning haben sie alle einen Platz. Genauso wie die Menschen mit und ohne Behinderung, die hier ihr künstlerisches Potenzial entfalten.

„Bilder berühren unmittelbarer als Worte“

Kunst drängt nach draußen, in die Öffentlichkeit. Seit das Atelier besteht, wurden zahllose Ausstellungen, Programme, Aktionen und Projekte realisiert. Viele Kunstwerke fanden dabei nicht nur staunende Bewunderer, sondern auch Käufer. Offensichtlich hat Renate Höning recht: „Menschen mit Behinderung gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Kunst ist unsere gemeinsame Sprache, weil Bilder uns unmittelbarer berühren als Worte.“ Tatsächlich ist Kunst die einzige Sprache, für die es keine Übersetzung ins Einfache braucht. Die Werke des Ateliers KUNST inklusiv sprechen für sich. Sie sind auch ohne die Dolmetscher des Büros für Leichte Sprache zu verstehen. Einfach so. Völlig barrierefrei.


Arbeiten aus dem Atelier KUNST inklusiv


(Fotografiert von Herbert Stolz , Regensburg)


Leiter Sebastian Müller stellt das Büro für Leichte Sprache "sags'einfach" vor

Regionalmanagerin Johanna Bräu über die Zusammenarbeit mit dem Büro für Leichte Sprache

Die Prüfgruppe Straubing stellt ihre Arbeit vor

Sebastian Müller,
Büroleiter

Johanna Bräu,
Regionalmanagerin Landkreis Regensburg

Prüfgruppe Straubing,
Büro Leichte Sprache