"Berufliche Kompetenz ist eine erste, grundlegende Notwendigkeit, aber sie allein genügt nicht. Es geht ja um Menschen, und Menschen brauchen immer mehr als eine bloß technisch richtige Behandlung. Sie brauchen Menschlichkeit. Sie brauchen die Zuwendung des Herzens."

Papst emeritus Benedikt XVI.

Lieber arbeiten als Urlaub

Arbeit ist ein Glücksfaktor. Das zeigen die drei Tochterunternehmen der Katholischen Jugendfürsorge eindrucksvoll.

Macht Arbeit glücklich? Hand aufs Herz: Wer würde das uneingeschränkt bejahen? Nervige Kollegen, unerträgliche Vorgesetzte, brutaler Leistungsdruck und ständig wachsende Anforderungen. Arbeit - glücklich? Naja, geht so. Die Sache sieht schnell anders aus, wenn man plötzlich keine Arbeit mehr hat. Dann spürt man deutlich, es fehlt viel mehr als ein Job, von dem man Leben kann. Arbeiten bedeutet Kontakte, Struktur, Begegnung, Anerkennung, Gemeinschaft, Zuspruch und noch viel mehr. Arbeit gibt dem Leben Rhythmus und stärkt das Selbstvertrauen. Eine Arbeit zu haben, signalisiert: „Du wirst gebraucht.“ So gesehen ist Arbeit tatsächlich ein Glücksfaktor. Schließlich verbringt jeder Mensch viel Lebenszeit an seinem Arbeitsplatz. Ob er das mit innerer Zufriedenheit tut oder dabei ausbrennt, hat maßgeblich mit den Anforderungen und der Atomsphäre am Arbeitsplatz zu tun. 

Wie wichtig berufliche Tätigkeit gerade für Menschen mit Behinderung ist, weiß man bei der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) des Bistums Regensburg sehr genau. Aber man weiß auch: Behinderten Menschen Teilhabe am Berufsleben zu ermöglichen, ist nicht leicht. „Menschen mit Handicap - egal ob leichte oder schwere Behinderung - am Leben in unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen, das hört sich so einfach an“, sagt der Direktor der KJF, Michael Eibl. „Aber es ist ein langer und intensiver Prozess.“ Damit dieser Prozess gelingt, „braucht es viel Wissen, viel Zeit, viel Geld und sehr viel Liebe“, sagt Eibl. Das gilt bereits für die Frühförderung, geht über die Schulzeit, über Sonder- und Heilpädagogik, betrifft die verschiedensten Fördermaßnahmen und mündet schließlich in einer Ausbildung und der Qualifikation für eine berufliche Tätigkeit. All das bietet die Katholische Jugendfürsorge und all das kostet Geld. Eibl spricht nicht von Kosten, sondern lieber von Investitionen. „Ausbildung und berufliche Qualifikation zu ermöglichen, sind gute Investitionen“, betont er. Die Qualität von Schule, Ausbildung und therapeutischer Begleitung entscheide darüber, ob ein behinderter Mensch einen Beruf ergreifen und damit wirklich am gesellschaftlichen Leben teilhaben könne.

Reguläre Arbeitsverträge mit Vertrag und tariflicher Bezahlung

Um Menschen mit Handicap die bestmöglichen Chancen für eine berufliche Tätigkeit zu geben, hat die KJF drei Tochtergesellschaften: „Labora“, „Sigma“ und die „Werkstätten“. Alle drei Firmen sind gemeinnützige GmbHs und hunderterprozentige Töchter der Katholische Jugendfürsorge. Und alle drei haben ein gemeinsames Ziel: Menschen, die sich aufgrund ihrer Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer tun oder chancenlos sind, Rahmenbedingungen zu bieten, die ihnen Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Dieses Ziel verfolgen die drei KJF-Töchter auf unterschiedliche Weise.

Als Integrationsfirma sieht „Labora“ ihre Aufgabe vor allem darin, Abgänger der „Lernwerkstatt“ der KJF in ein festes Arbeitsverhältnis zu integrieren. 38 Mitarbeiter sind derzeit für Labora tätig. Rund die Hälfte der Angestellten ist durch eine Behinderung eingeschränkt. Im Unterschied zum oftmals „rauen Wind“, der auf dem ersten Arbeitsmarkt weht, nimmt „Labora“ Rücksicht auf die Leistungsmöglichkeiten von Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen. Dennoch: Die Jobs bei „Labora“ sind keine „beschäftigungstherapeutische Maßnahme“, sondern reguläre Arbeitsplätze. Mit Arbeitsverträgen, klarem Anforderungsprofil und tariflicher Bezahlung. 

Als Arbeitgeber auf dem ersten Arbeitsmarkt erwirtschaftet „Labora“ die erforderlichen Mittel zur Finanzierung des laufenden Betriebs aus Produktions- und Dienstleistungsaufträgen. Integrationsfirmen wie „Labora“ erhalten durch das Zentrum Bayern, Familie und Soziales - Integrationsamt (§ 132 SGB IX) eine Investitionsförderung für neue Schwerbehindertenarbeitsplätze, eine Förderung des besonderen Aufwands für arbeitsbegleitende Unterstützung und der Minderleistung für schwerbehinderte Mitarbeiter/innen. Außerdem ist der Bezirk Oberpfalz über freiwillige Leistungen mit erheblichen Beiträgen beteiligt. Defizite der „Labora“ werden durch den Alleingesellschafter, die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V., ausgeglichen. Seit Bestehen der „Labora“ hat die KJF etwa 1,4 Millionen Euro ausgeglichen, um die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung zu erhalten. Dabei flossen Kirchensteuermittel in Höhe von circa 1,4 Millionen Euro ein, im Jahr 2016 waren es 43.000 Euro. Die Finanzen der „Labora“ werden durch die Gesellschafterversammlung kontrolliert. Der Jahresabschluss wird von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft.

Vom Metallbau bis zum Catering-Service

Die beruflichen Tätigkeiten, die „Labora“ den Angestellten an unterschiedlichen Standorten in Regensburg bietet, sind vielfältig. Unter dem Dach von „Labora“ gibt es einen Metallbau- und einen Malerbetrieb, eine Großküche mit Catering und ein Hausmeisterservice, der allerdings ausschließlich für Einrichtungen der KJF zuständig ist. 

In der Großküche bei „Labora“ beginnt der Arbeitstag um 4.30 Uhr.  Tag für Tag werden 1000 Essen zubereitet. Kindergärten, Altenheime, die Stadtkantine von Regensburg oder Behinderteneinrichtungen zählen zum großen Kundenkreis. Norbert Ippisch, der Chefkoch, arbeitet gerne bei „Labora“. „Wir haben ein super Betriebsklima“, freut er sich. Wenn es die KJF und ihre Töchter nicht gäbe, würde vieles einbrechen, sagt Ippisch. „Viele Jugendliche, die für den ersten Arbeitsmarkt nicht geeignet sind, würden keine Arbeit mehr bekommen.“ Bei der KJF finden sie Arbeit und Anerkennung. 

Bereits seit 35 Jahren existieren die „Werkstätten“, ein anderes Tochterunternehmen der KJF. Aus kleinen Anfängen hat sich ein großes Unternehmen entwickelt:  Acht Standorte in Niederbayern und der Oberpfalz, mehr als 1.500 Beschäftigte - mit und ohne Behinderungen. Die „Werkstätten“ bieten Menschen mit Behinderung berufliche Bildung und Teilhabe am Erwerbsleben. Ihr Ziel ist der konsequente Aufbau eines inklusive Arbeitsmarktes. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch in seiner Einzigartigkeit, mit seinen Talenten und Fähigkeiten, mit der ihm eigenen Persönlichkeit und seiner unveräußerlichen Würde.

Die Finanzierung der KJF Werkstätten gemeinnützige GmbH erfolgt wie bei allen anerkannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Bayern über unterschiedliche Kostenträger, die jeweils spezielle Maßnahmen finanzieren oder bezuschussen sowie über erwirtschaftete Einkünfte aus Produktions- und Dienstleistungsaufträgen. An der Finanzierung des laufenden Betriebs sind beteiligt: Der zuständige Bezirk, die Agentur für Arbeit oder andere Rehabilitationsträger wie zum Beispiel der Träger der gesetzlichen Rentenversicherungen oder eine Berufsgenossenschaft. Bei geförderten Neubau-, Erweiterungs- oder Modernisierungsmaßnahmen fließen neben umfangreichen Eigenmitteln auch Fördermittel des Freistaates Bayern - zuständig dafür ist das Sozialministerium -, der Agentur für Arbeit und der Bezirke ein. Die Finanzen der KJF Werkstätten werden durch die Gesellschafterversammlung und den Aufsichtsrat kontrolliert. Der Jahresabschluss wird von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft.



Kontrolle „von innen“ und „von außen“

Werkstätten für Menschen mit Behinderung seien vermutlich die sozialen Einrichtungen, die am stärksten und vielfältigsten kontrolliert würden, sagt Hans Horn. Er ist Geschäftsführer der KJF-„Werkstätten“. Transparenz bei den Finanzen ist ihm sehr wichtig. Kontrolliert werde nicht nur von außen. „Auch von innen wollen wir maximale Kontrolle und Transparenz herstellen“, betont Horn. Eigentlich ist Horn gelernter Ingenieur. Er war selbstständig und kam erst über Umwege zu KJF. Seit 2001 führt er die Geschäfte der „Werkstätten“. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit als Geschäftsführer hatte er eine Erlebnis, das ihn bis heute prägt, wie er selbst sagt. Da sei ein Angestellter auf ihn zugekommen und habe Tränen vergossen. „Was denn los sei, habe ich ihn gefragt“, erinnert sich Horn. Das habe sich dann schnell geklärt. „Der Mann war traurig, weil die Weihnachtsferien vor der Tür standen.“ Er wollte keinen Urlaub haben, sondern wäre viel lieber zur Arbeit gekommen. So gut hat es ihm hier gefallen.

Detaillierte Einblick in die wirtschaftliche Lage 

Auch bei den „Werkstätten“ herrscht eine positive Arbeitsatmosphäre. Die gute Laune steckt an. Selten sieht man so viel fröhliche Gesichter bei der Arbeit. Wer daran zweifelt, dass Arbeit nicht nur zufrieden, sondern glücklich machen kann, wird hier eines Besseren belehrt. Der menschliche Umgang miteinander, der hier gepflegt wird, dürfte Angestellte mancher Dax-Konzerne nachdenklich stimmen.  

Sicher, eine gute Atmosphäre ist nicht alles. Auch die Finanzen müssen stimmen, wenn ein Unternehme funktionieren soll. Die „Werkstätten“ sind als gemeinnützig anerkannt. Bei einer sogenannte „gGmbg“ werde durch die Finanzverwaltung regelmäßig die Gemeinnützigkeit überprüft, erklärt Geschäftsführer Horn. Zudem seien die „Werkstätten“ verpflichtet, ihre Arbeit regelmäßig durch vereidigte Wirtschaftsprüfer kontrollieren zu lassen. „Jedes Jahr haben wir drei oder vier Prüfer im Haus, die die ganze Buchführung durchleuchten.“ Bislang sei den „Werkstätten“ immer bestätigt worden, das „ordentlich und nach allen Regeln“ gearbeitet werde, sagt Horn. Geprüft werde auch durch diejenigen, die den „Werkstätten“ Finanzierung bereitstellen. „Zum Beispiel durch den Bezirk oder die Agentur für Arbeit.“ Neben solchen Kontrollen „von außen“, gibt es die „von innen“. „Die KJF als unser Gesellschafter hat einen Aufsichtsrat bestellt, der die Geschäftsführung beaufsichtigt und berät“, sagt Horn. „Als Gesellschafter hat die KJF größtes Interesse daran, dass wir ordentlich arbeiten und das tun, wofür wir das sind.“ Daher würden die „Werkstätten“ auch durch die KJF geprüft. 

Einblick in die finanzielle Lage der „Werkstätten“ kann jeder nehmen, der sich dafür interessiert. Das gilt genauso für „Sigma“ und „Labora“. Als GmbHs veröffentlichen die KJF-Töchter ihre Zahlen im Bundesanzeiger. Unter bundesanzeiger.de sind im Internet sämtliche Wirtschaftsdaten offen und detailliert einsehbar. „Ich glaube es gibt nur wenige Unternehmen, die so transparent arbeiten wie wir“, sagt Horn. 

Ein Angebote für Privatleute, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen 

Neben den „Werkstätten“ und „Labora“ zählt die Firma „Sigma“ zu den drei Tochterunternehmen der Jugendfürsorge. Auch „Sigma“ ist als gemeinnützig anerkannt, arbeitet als wirtschaftlich selbstständiges Unternehmen und bietet inklusive Arbeitsplätze. Haus- und Gartenarbeiten, Verpackungs- und Montageservice, Mediengestaltung und Bürodienstleistungen gibt es bei „Sigma“. Außerdem existiert ein sogenanntes Zuverdienstprojekt. Das dient der stundenweisen Beschäftigung von Menschen mit Sinnes-, Körper-, Lernbehinderung oder geistiger Behinderung. Das Leistungs-Angebot von „Sigma“ richtet sich an Privatleute genauso wie an öffentliche oder soziale Einrichtungen, Wirtschaftsbetriebe und Unternehmen aus der Industrie.

Auch die Integrationsfirma „Sigma“ ist Arbeitgeber auf dem ersten Arbeitsmarkt und erwirtschaftet die erforderlichen Mittel zur Finanzierung des laufenden Betriebs aus Produktions- und Dienstleistungsaufträgen. Wie „Labora“ erhält auch „Sigma“ eine Investitionsförderung für neue Schwerbehindertenarbeitsplätze, eine Förderung des besonderen Aufwands für arbeitsbegleitende Unterstützung und der Minderleistung für schwerbehinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch das Zentrum Bayern, Familie und Soziales - Integrationsamt (§ 132 SGB IX). Außerdem ist der Bezirk Niederbayern mit erheblichen Beiträgen über freiwillige Leistungen beteiligt. Die Gesellschafterversammlung und der Aufsichtsrat der „Sigma“ kontrollieren die Finanzen. Auch bei „Sigma“ wird der Jahresabschluss von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft.

„Glücklich zur Arbeit und wieder glücklich nach Hause“. Das hört man öfter von Angestellten bei den KJF-Töchter, ob bei „Labora“, „Sigma“ oder den „Werkstätten. Man ist geneigt, das für einigermaßen übertrieben zu halten. Wären da nicht die vielen glücklich Gesichter, die einen an ihrem Arbeitsplatz freundlich anstrahlen. Nicht, weil sie morgen Urlaub haben, sondern weil sie auch morgen wieder zur Arbeit kommen dürfen.


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