Inklusion: Wie die Herausforderung gelingt

Katholische Schulen als Vorreiter: Wenn Inklusion glückt, ist das ein Zeichen für die Gesellschaft

Inklusion erhitzt die Gemüter. Ob Eltern, Schüler oder Lehrer – alle haben hierzu eine Meinung. Und die gehen oft meilenweit auseinander. Allen voran die Lehrer üben teils heftige Kritik. Dabei sollen sie die Inklusion umsetzen. Woran liegt es, dass Wünsche und Wirklichkeit so auseinander liegen? Grundsätzlich begrüßt, ja beansprucht doch jeder die Teilhabe aller Menschen. Fest steht: Inklusion fordert heraus. Das Problem: Dafür braucht es Geld und Personal. Bei beidem hält sich die Politik zurück – auch wenn die Beschlüsse anderes verlangten.

Ende der Debatte

An der Bischof Manfred Müller Schule diskutieren sie nicht mehr über Inklusion. Sie setzen sie konkret um. Wer wissen will, wie Inklusion glückt, kann hier Erfahrungen erleben. "In den letzten Jahren sind in der Öffentlichkeit die Anforderungen an die Inklusion größer geworden. Es ist ja gefordert, dass Schule Inklusion betreibt. Auch an unserer Schule haben sich immer mehr Familien mit ihren Kindern beworben, die einen Förderbedarf haben", erklärt Konrad Wacker, der die Katholische Freie Grund- und Mittelschule seit ihrer Gründung vor 16 Jahren leitet. "Wir haben versucht, diesem Förderbedarf gerecht zu werden. Wir haben aber gemerkt, dass wir mit unseren Lehrkräften da an Grenzen stoßen. Deswegen haben wir an die Diözesanleitung den Antrag gestellt, eine Förderschullehrkraft einzustellen." Und diesem Antrag hat die Diözesanleitung zugestimmt.

Ein wichtiger Schritt für das Kollegium

Die Kosten dieser Inklusions-Lehrerin trägt die Kirche. Die Bischof Manfred Müller Schule zählt zur Schulstiftung der Diözese Regensburg. Die Stiftung übernimmt seit 2003 die Trägerschaft von Schulen. Früher leiteten sie Ordensgemeinschaften, einen Dienst den manche Ordensgemeinschaften heute nicht mehr erbringen können. So dient die Schulstiftung der Erhaltung der kirchlichen Bildungstradition in der Oberpfalz und in Niederbayern. Derzeit trägt sie die Verantwortung für 14 Schulen.

Konrad Wacker über den Rückhalt, den er für das Inklusionsprojekt erfährt: "Für mich war es eine sehr positive Erfahrung, dass unser Diözesanbischof Rudolf Vorderholzer das ganz persönlich durchgesetzt hat. Und es war auch ein wichtiger Schritt für das Kollegium. Die Bistumsleitung hat uns gezeigt: Wir lassen euch mit euren Problemen in den Klassen nicht allein. Wir wollen, dass ihr diese Arbeit gut macht. Also müssen wir auch die personellen und finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen."

Ein Segen für alle

Andrea Zeller kümmert sich seither um die Inklusion an der Grund- und Mittelschule. Sie hat Sonderpädagogik studiert und ist jetzt das zweite Jahr in Regensburg tätig. Hier betreut sie Schüler mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten: "Meine Arbeit ist sehr vielschichtig. Ich habe sehr viele Bereiche, für die ich zuständig bin. Zum einen betrifft es die Förderung direkt mit den Schülern, was mir persönlich am meisten Spaß macht. Zum anderen berate ich die Lehrer, wie sie am besten die Schüler in ihrer Klasse fördern können." Darüber hinaus pflegt die Sonderpädagogin den Kontakt zu externen Stellen wie dem Jugendamt oder anderen Förderzentren. Wie ein Puzzle setzt sich ihre Arbeit aus vielen Teilen zusammen. Für die Kollegen ist ihre Unterstützung ein Segen. Denn zusammen mit Andrea Zeller können sich alle vorstellen, wie sich Kinder mit Behinderungen in den Schulalltag einbinden lassen und mehr: den Schulalltag bereichern.

Schon lange auf der Tagesordnung

Neu ist das Thema nicht. 1994 wurde die Inklusion auf der UNESCO-Weltkonferenz aus der Taufe gehoben. Zwölf Jahre später verabschieden die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention. Ein Meilenstein. In Deutschland ist die Konvention seit 2009 beschlossene Sache. Seither sind ihre Vorgaben für Politik, Verwaltung und Justiz verbindlich. Die Konvention will von vornherein allen Menschen die uneingeschränkte Teilnahme an allen 

Aktivitäten möglich machen. Ziel ist ein gemeinsames Leben aller Menschen mit und ohne Behinderungen. Der Grundgedanke der Inklusion findet sich in mehreren Bereichen, z.B. Justiz, Gesundheit und Wahlrecht. In Artikel 24 garantieren die Vertragsstaaten "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen". Das allgemeine Bildungssystem soll jedem zugänglich sein. Kein Kind soll aufgrund von Behinderung ausgeschlossen werden. Ziel ist der gemeinsame Schulbesuch behinderter und nicht behinderter Kinder in einer Regelschule. Gerade diese Zielsetzung geht einigen Kritikern zu weit.

Inklusion tut allen gut 

Wichtig ist auch, wie die Eltern zum Thema Inklusion stehen. "Die Elternarbeit ist für uns ein ganz wichtiger Punkt, dass wir da eng zusammenarbeiten. Bei den meisten Eltern wird das sehr gut angenommen. Die sind ziemlich zufrieden mit dem, was wir hier so machen", legt Zeller dar. Dies bestätigt auch Direktor Wacker: "Sehr viele Familien in Regensburg und Umgebung sind froh, dass es diese Schule hier gibt." Gerade die Entscheidung für die Inklusion finden die Eltern gut. "Wir können generell sagen: Es ist eine sehr positive Rückmeldung gekommen. Auch Familien mit Kindern ohne Förderbedarf haben sehr positiv über die Arbeit der Kinder mit Förderschwerpunkten in den Klassen berichtet", führt der Schulleiter aus.

Der Grund: "Es lernen ja nicht nur die Kinder mit Förderbedarf, sondern auch diese Kinder werden durch die anderen Kinder wieder zu mehr Fürsorge, zu mehr Empathie und zu mehr Zuwendung zu einem Schwächeren erzogen. Und das tut allen gut, sowohl den Kindern mit Förderbedarf, als auch den Kindern, die eine normale Entwicklung und Intelligenz haben“, argumentiert Konrad Wacker. Dieses Lernen voneinander entspricht einem Kerngedanken der Inklusion: Behinderte Menschen sind wie alle, in manchen Bedürfnissen unterscheiden sie sich, auf sie muss man einfach eingehen.

Die gesamte Klasse steht im Fokus, nicht mehr einzelne Schüler. Nicht das Kind wird in die passende Institution eingegliedert. Stattdessen werden Ausstattung und Lernumgebung so angepasst, dass alle Kinder die notwendige individuelle Unterstützung erfahren. 

Inklusion benötigt also Ressourcen. Ressourcen, die den meisten Schulen fehlen. Den politischen Beschlüssen müssen denn auch die notwendigen Maßnahmen folgen. Dies lässt sich nicht "kostenneutral" regeln. Und genau an diesem Punkt setzen die Kritiker an: Solange es die Ressourcen nicht gebe, sei die Inklusion utopisch.

Inklusion: Ein Paradigmenwechsel 

In Skandinavien und Großbritannien haben sie schon länger Erfolg bei der Inklusion. Im deutschen Schulsystem hingegen stehen noch Barrieren im Wege. "Die Inklusion steht einem Mantra unserer Zeit entgegen: Der Leistung. Unsere Gesellschaft ist inzwischen so leistungsorientiert, dass andere Dinge auf der Strecke bleiben", kritisiert Johann Gröber, Geschäftsführer der Schulstiftung in der Diözese Regensburg. "Du bist so viel, wie Du leistest – diesem Denken stellen wir uns explizit entgegen. Für uns hat jeder Mensch einen absoluten Wert. Und das unabhängig davon, wie viel er leistet oder leisten kann."

Dennoch verweist einiges auf ein verändertes Bewusstsein: Behinderungen werden nicht mehr als unveränderbare Tatsachen gesehen. Vielmehr gelten sie als "eine durch soziales Handeln und Erleben veränderliche Bedingung des Menschseins." Letztlich wird damit eine Unterscheidung aufgegeben – die Unterscheidung in behinderte und nichtbehinderte Lernende. Von der Exklusion über die Separation (Sonderbeschulung) sind wir nunmehr bei der Inklusion angekommen. Zumindest im Denken, aber noch lange nicht im konsequenten Handeln. Denn die Entscheidung für Inklusion ist ein Paradigmenwechsel.

Gemeinsam entfalten

Dass sich dieser Paradigmenwechsel mit Erfolg gestalten lässt und keine Utopie ist, zeigen sie an der Bischof Manfred Müller Schule in Regensburg. "Wir haben hier vier Kinder mit Down-Syndrom, die inklusiv beschult werden. Man merkt den Unterschied, wenn die nicht hier, sondern an einem Förderzentrum wären. Die sind hier sozial viel besser integriert. Sie fühlen sich auch total wohl und haben ihren Platz gefunden", erklärt Zeller. Man sieht: Inklusion funktioniert – wenn man es will und etwas dafür tut. Das ist gut für die Schulgemeinschaft insgesamt und für jeden einzelnen Schüler: "Ein Schüler speziell, der jetzt in die fünfte Klasse gekommen ist, hat einen wahnsinnigen Sprung gemacht. Der arbeitet viel selbstständiger, der braucht nicht mehr so viel Unterstützung. Er kann sogar mit der Klasse mit dem Unterrichtsstoff ziemlich gut mithalten und muss nicht mehr so sehr nach dem lernzieldifferenten Wochenplan arbeiten."     


Lehrerberuf im Wandel


Kinder mit Down-Syndrom tanzen auf dem Abschlussball

Doch nicht nur für die Schüler mit Förderbedarf hat die Inklusion Vorteile. "Man merkt auch bei den Schülern, die keinen Förderschwerpunkt haben, dass ihnen der Austausch mit den anderen Schülern gut tut. Dass diese Hemmschwelle, die oft vorhanden ist, nicht mehr da ist und dass der Umgang einfach ganz natürlich ist", freut sich Zeller. Auch wenn sich die Inklusion noch im Aufbau befindet, sind die Erfolge beachtlich: "Eines meiner schönsten Erlebnisse war letzte Woche der Abschlussball", erzählt die Sonderpädagogin mit einem stolzen Lächeln. "Da haben zwei Schüler mit Down-Syndrom mitgemacht: Ein Mädchen aus der 7. Klasse, und ein Schüler aus der Abschlussklasse 9. Und die haben den Tanzkurs zusammen gemacht und waren dann letzte Woche beim Abschlussball selbstverständlich unter allen Schülern mit dabei."

Erfolg erfreut das Herz

Nicht zuletzt auf die Lehrkräfte wirkt sich die Inklusion positiv aus. Direktor Wacker, der seit 37 Jahren im Schuldienst tätig ist, unterstreicht etwa, dass er gerade in Sachen Inklusion von den jungen Kollegen lerne. "Diese Spontanität und diese Begeisterung, Fremdes und Neues anzupacken. Da werde ich von ihrer Begeisterung angesteckt und packe dann einige Dinge wieder an, vor allem im Bereich der Inklusion. Da freue ich mich einfach, was den Jungen da so einfällt und was wir denn in den kommenden Jahren konzeptionell noch erarbeiten werden", sagt der Schulleiter lächelnd.

"Ich fahre jeden Tag gerne an diese Schule und fühle mich immer noch sehr wohl hier," hebt Wacker hervor. Er ist froh, dass die Diözesanleitung sich für die Gründung der Schule vor 16 Jahren entschieden hat: "Wenn die Diözesanleitung die Entscheidung nicht getroffen hätte, dann gäbe es die BiMaMü mit ihren 600 Schülern nicht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass etwas abgehen würde. Wenn wir nur den Bereich der Inklusion anschauen, wo sehr viele Kinder mit kleineren Defiziten, mit Entwicklungsverzögerungen bei uns ihren Platz finden, eine gute Entwicklung machen und dadurch einen leichteren Übergang dann wieder in das Berufsleben finden."

"Wir vergessen keinen."

"Wir als katholische Schule vergessen keinen. Wir nehmen das Geld in die Hand, um allen Kindern, eben auch den behinderten Kindern zu helfen. Und zwar individuell, effektiv und ganzheitlich", stellt Johann Gröber heraus. So gibt es an der Grund- und Mittelschule die Ressourcen, die andernorts fehlen. 70.000 bis 80.000 Euro pro Jahr – so viel gibt die Kirche speziell für die Inklusionsarbeit an dieser Schule aus.

Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Absolut und bedingungslos. Darauf fußt letztlich der Gedanke der Inklusion. Und der ist damit zutiefst christlich. "Besonders im christlichen Menschenbild ist es fundiert: Wir kümmern uns um Schwächere. Wir kümmern uns besonders um die, die am Rand stehen, denen es nicht so gut geht, die Hilfestellung brauchen. Ich glaube, das ist eine große Verantwortung von uns Christen, dass wir uns dem nicht entziehen. Und in der Schule vor allem: Dass wir uns um diese Kinder auch wirklich kümmern", meint denn auch der Direktor.


"Auch die anderen Kinder lernen dazu und werden zu mehr Empathie, Fürsorge und Zuwendung erzogen."